KI & Ethik

Habe ich der KI längst zu viel über mich verraten?

Ein kurzer Moment hat gereicht – und plötzlich war vielen Menschen klar, wie viel Vertrauen wir künstlicher Intelligenz inzwischen schenken.

In den vergangenen Tagen sorgte ein Vorfall bei ChatGPT für Aufmerksamkeit. Einige Nutzer berichteten, dass Inhalte fremder Unterhaltungen oder Chat-Titel kurzzeitig sichtbar gewesen seien beziehungsweise es zu Störungen im Zusammenhang mit Gesprächen kam. OpenAI bestätigte zeitgleich technische Probleme und sprach von einer Störung im Bereich der internen Infrastruktur, die zu Fehlern beim Laden und Fortführen von Gesprächen führte. Das Problem wurde nach kurzer Zeit behoben.

Doch unabhängig davon, wie groß die tatsächlichen Auswirkungen dieses konkreten Vorfalls waren, stellt sich eine viel grundlegendere Frage: Was erzählen wir einer KI eigentlich jeden Tag über uns? Vor wenigen Jahren war eine Suchmaschine noch ein Werkzeug. Wir gaben einzelne Begriffe ein und erhielten eine Liste mit Ergebnissen. Heute führen viele Menschen mit einer KI Gespräche, die oft persönlicher sind als manches Telefonat mit guten Freunden.

Wir schreiben über unsere Gesundheit. Über Ängste. Über Beziehungen. Über finanzielle Sorgen. Über berufliche Konflikte. Wir laden Lebensläufe hoch, Arbeitsverträge, Steuerunterlagen, medizinische Befunde oder komplette Unternehmensstrategien. Die KI wird immer häufiger zum Coach, Psychologen, Programmierer, Steuerassistenten, Marketingberater und Sparringspartner zugleich. 

Je hilfreicher diese Systeme werden, desto mehr Informationen erhalten sie. Und genau darin liegt das eigentliche Spannungsfeld. Denn wir gewöhnen uns erstaunlich schnell daran, dass uns eine KI versteht. Sie merkt sich Vorlieben, erinnert sich an frühere Gespräche und liefert immer passendere Antworten. Genau das macht die Technologie so faszinierend. Gleichzeitig entsteht aber auch eine enorme Sammlung persönlicher Informationen – oft über Monate oder sogar Jahre hinweg. Neue Funktionen zur Erinnerung und Projektverwaltung machen diese Nutzung noch komfortabler.

Das bedeutet nicht automatisch, dass unsere Daten unsicher sind. Die großen Anbieter investieren erhebliche Summen in Sicherheit, Verschlüsselung und Datenschutz. Sicherheitslücken werden geschlossen und technische Störungen behoben. Trotzdem zeigt jede Panne eines sehr großen IT-Systems eines ganz deutlich: Absolute Sicherheit existiert nicht. Diese Erkenntnis gilt übrigens nicht nur für KI. Sie gilt genauso für Banken, Krankenhäuser, Cloud-Speicher oder soziale Netzwerke. Überall dort, wo Daten gespeichert werden, besteht immer ein Restrisiko – sei es durch Softwarefehler, menschliche Fehler oder gezielte Angriffe. Deshalb sollte die entscheidende Frage nicht lauten: „Kann ich einer KI vertrauen?“, sondern vielmehr: „Welche Informationen muss eine KI wirklich über mich wissen, um mir helfen zu können?“. Wer diese Frage bewusst beantwortet, nutzt künstliche Intelligenz nicht weniger – sondern klüger.

Ich bin der Meinung, dass KI unseren Arbeitsalltag, unsere Kommunikation und viele Geschäftsprozesse nachhaltig verändern wird. Für Unternehmen eröffnet sie enorme Chancen. Gleichzeitig wächst aber auch unsere Verantwortung. Datenschutz ist kein lästiges Hindernis, sondern ein Qualitätsmerkmal. Wer KI professionell einsetzt, sollte immer überlegen, welche Daten notwendig sind, welche anonymisiert werden können und welche besser gar nicht erst in ein KI-System gelangen.

Vielleicht ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, einen kurzen Selbsttest zu machen. Wenn Sie heute Abend Ihr Smartphone zur Seite legen, fragen Sie sich einmal ganz ehrlich: Was weiß eine KI inzwischen alles über mich?

Und noch wichtiger: Musste sie das wirklich wissen?

Fragen Sie doch ChatGPT mal folgendes:


Prompt 1 - sachlich:

Erstelle eine vollständige und strukturierte Bestandsaufnahme aller Informationen, die du aktuell über mich kennst oder aus früheren Gesprächen ableitest.

Teile die Informationen in folgende Kategorien ein:

  • Persönliche Daten
  • Beruf und Unternehmen
  • Familie und Beziehungen
  • Gesundheit
  • Finanzen
  • Wohnort und Umgebung
  • Interessen und Hobbys
  • Politische oder gesellschaftliche Ansichten (falls vorhanden)
  • Kaufinteressen
  • Reiseverhalten
  • Technische Ausstattung
  • Projekte
  • Ziele
  • Gewohnheiten
  • Vorlieben
  • Abneigungen
  • Wiederkehrende Probleme
  • Sonstige Rückschlüsse

Gib zu jedem Punkt zusätzlich an:

  1. Wie sicher bist du dir? (0–100 %)
  2. Woher stammt diese Information?
    • aktueller Chat
    • frühere Unterhaltung
    • gespeicherte Erinnerung
    • logische Ableitung
  3. Nutzt du diese Information aktiv für spätere Antworten?
  4. Könnte diese Information falsch oder veraltet sein?
  5. Sollte ich sie aktualisieren oder löschen?

Liste anschließend alle Informationen auf, die du vermutlich über mich ableitest, obwohl ich sie nie ausdrücklich gesagt habe.

Erstelle zum Schluss eine Tabelle:

| Information | Quelle | Sicherheit | Für Antworten genutzt | Änderbar/Löschbar |

Lasse nichts aus und fasse nichts zusammen.


Prompt 2 - was sind die Rückschlüsse auf meine Persönlichkeit:

Analysiere mich ausschließlich auf Basis unserer bisherigen Gespräche.

Beschreibe:

meine Persönlichkeit
meine Denkweise
meine Entscheidungsmechanismen
meine größten Stärken
meine größten Schwächen
meine Motivation
meine Ängste
typische Denkfehler
Kommunikationsstil
Führungsstil
Risikobereitschaft
Werte
Interessen
Prioritäten
Kaufverhalten
Arbeitsweise
Lernstil
Kreativität
Belastbarkeit
Veränderungsbereitschaft

Begründe jede Aussage ausschließlich mit Beobachtungen aus unseren Gesprächen und kennzeichne klar, was beobachtet und was lediglich abgeleitet wurde.

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